Foto vom Schriftzug Goldschmiedmeile in Pforzheim
Pfand auf Reisen

Goldstadt Pforzheim: höfischer Impuls & globale Schmuckmetropole

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 Eine Fortbildung führte mich in jene Stadt, die vielen als Inbegriff industrieller Schmuckfertigung gilt – und doch weit mehr ist als ein Synonym für Präzision und Exporterfolg: Die Gold-, Schmuck-& Uhrenstadt Pforzheim.

Mein Aufenthalt in Baden-Württemberg hat mich dazu veranlasst, mich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen, vor allem im Bezug auf Tradition und Entwicklung. Denn mir ist aufgefallen: Lässt sich die sogenannte Goldstadt von Fläche und Bevölkerungsdichte mit Innsbruck vergleichen, hat sie in Bezug auf Flair und Ambiente leider eher weniger zu bieten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr historischer Kern im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig verloren ging – ein Verlust, der bis heute spürbar ist. Dies gab mir den Impuls die Geschichte rund um Tradition und Entwicklung zu ergründen.

Kunst, Handwerk & Hermann Hesse

Zwischen Calw – der Heimat Hermann Hesses - und Pforzheim fließt die Nagold – ein Fluss, der nicht nur geographisch verbindet, sondern auch symbolisch: Schon sein Name trägt das „Gold“ in sich, als verweise die Landschaft selbst auf das, was hier seit Jahrhunderten Gestalt annimmt. In Hesses Essay “Künstler und Handwerker ”(1917) formulierte er einen Gedanken, der die Pforzheimer Tradition kaum treffender umschreiben könnte:

„Handwerk ist stille Lust an der Form, Freude an der Wiederholung, an der Geduld, an der Gewissenhaftigkeit.

Was hier als poetische Verdichtung erscheint, ist in Pforzheim mit seiner tief verankerten Schmuckkultur gelebte Praxis – eine Haltung der Hingabe an Maß, Material und das Tun. Sie prägt bis heute das Selbstverständnis jener, die hier Schmuck und Uhren nicht nur herstellen, sondern auch gestalten.

Innenstadt von Pforzheim mit Fluss
Pforzheim: Hier fließen die Flüsse Nagold, Enz und Würm zusammen; Bild: ©apcefoto-adobestock.com

Vom Waisenhaus zur Industrie

Die Wurzeln der Pforzheimer Schmuckindustrie reichen zurück bis ins Jahr 1767, als Markgraf Karl Friedrich von Baden eine Uhren- und Schmuckmanufaktur im Waisenhaus gründete. Was zunächst als sozialwirtschaftliches Projekt zur Ausbildung von Waisenkindern gedacht war – maßgeblich initiiert durch seine Ehefrau Karoline Luise, eine kunstsinnige Fürstin –, entwickelte sich rasch zu einem Impulsgeber industriellen Aufschwungs und zum Beginn einer stadtprägenden Erfolgsgeschichte.

Im 18. Jahrhundert zog die entstehende Manufaktur zahlreiche Fachkräfte, Goldschmiede und Unternehmer aus dem In- und Ausland an. Der damit verbundene Know-how-Transfer legte den Grundstein für ein hochspezialisiertes Produktionsmilieu, das in Dichte und Qualität bis heute seinesgleichen sucht.

Industrialisierung & internationale Vernetzung

Ein wesentlicher Katalysator war der Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein, um 1835. Damit öffneten sich neue Märkte – entscheidend für eine Branche, deren Produkte kulturell symbolisch aufgeladen und wirtschaftlich global ausgerichtet sind. Die industrielle Revolution ließ nicht nur die Produktionskapazitäten wachsen, sondern auch die Stadt selbst: Zwischen 1850 und 1880 stieg die Einwohnerzahl von 9.000 auf 24.000. Die Schmuckindustrie wurde zur dominierenden Kraft – ökonomisch, städtebaulich und sozial.

Glanzzeiten der Branche

Um 1914 erreichte Pforzheim seine historische Blüte: Rund 30.000 Menschen, beinahe jeder zweite Einwohner, arbeiteten in der Schmuck- und Uhrenherstellung. Diese strukturelle Verankerung wirkt bis heute nach – noch immer stammen etwa drei Viertel der in Deutschland produzierten Schmuckwaren aus Pforzheim.

Was die Stadt besonders auszeichnet, ist die enge Verzahnung von Handwerk, Maschinenbau, Design und Materialverarbeitung. Das über Jahrzehnte gewachsene Netzwerk aus Gießereien, Galvanikbetrieben, Edelmetallscheideanstalten und Gravurwerkstätten bildet ein funktionierendes ökonomisches Ökosystem – ein Nährboden für Innovation und Ausdrucksvielfalt.

Technologische Meilensteine: Weißgold und Doublé

Ein herausragendes Beispiel für Pforzheims Innovationskraft war die Entwicklung des Weißgolds im Jahr 1912. Das Unternehmen Wilhelm Müller & Co. legierte erstmals ein helles Edelmetall als Alternative zum teuren Platin – eine Erfindung, die gerade im Art déco als stilbildend galt und internationale Aufmerksamkeit erregte.

Auch das Doublégold wurde in Pforzheim maßgeblich perfektioniert. Als sogenanntes Walzgold ermöglichte es die industrielle Fertigung hochwertig wirkender Schmuckstücke zu erschwinglichen Preisen. Doublé „Made in Pforzheim“ wurde zum Exportschlager – erschwinglich, robust, stilvoll.

 

Mahnmal der Bombardierung Pforzheims
Mahnmal zur Erinnerung an die Bombardierung von Pforzheim im zweiten Weltkrieg. ©globetrotter1-adobestock.com

Große Zäsur: Zerstörung und Wiederaufbau

Der 23. Februar 1945 markierte den Tiefpunkt dieser Erfolgsgeschichte: Innerhalb von 20 Minuten wurde Pforzheim bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört. Die Infrastruktur der Schmuckindustrie, Archive, Entwürfe, Werkzeuge – alles ging verloren. Und doch: Bereits 1948 arbeiteten wieder rund 3000 Menschen in der Branche. 1953 war Pforzheim erneut führender Exporteur von Schmuck und Silberwaren weltweit.

Wandel und Resilienz: Gegenwart der Schmuckindustrie

Wie viele traditionelle Industriezweige sah sich auch die Pforzheimer Schmuckwirtschaft ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit tiefgreifenden Umbrüchen konfrontiert. Automatisierung, Globalisierung und veränderte Konsummuster führten zu einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Doch die Branche reagierte flexibel: mit einem Hybridmodell zwischen präzisionsgesteuerter Massenfertigung und hochindividuellem Handwerk.

Schmuckmuseum Pforzheim von Außen bei schönen Wetter
Hier findet man klassischen sowie zeitgenössischen Schmuck unter einem Dach: Schmuckmuseum Pforzheim - Foto: © Winfried Reinhardt

Schmuck als kultureller Resonanzraum

Schmuck ist weit mehr als ein Produkt, er ist vielmehr Ausdruck von Identität, Erinnerung, Status und Gestaltungskraft. In Pforzheim ist dieser kulturelle Gehalt greifbar: ob im Schmuckmuseum im Reuchlinghaus, im Technischen Museum der Schmuck- und Uhrenindustrie, aber auch im Selbstverständnis einer Stadt, deren Geschichte tief in ihrer ästhetischen Kultur verankert ist.

Die Geschichte Pforzheims ist – wie ein gut gefasster Stein – fest eingefasst in den Rahmen der Schmuckindustrie. Sie hat Arbeitsplätze geschaffen, Exportbilanzen geprägt und eine Formensprache kultiviert, die weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt.

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